Graslitzer Stube

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden zahlreiche Menschen in Dettingen und Großwelzheim eine neue Heimat, die aus der Umgebung von Graslitz (Kraslice CZ) stammten. Die Präsentation gibt umfangreiche Einblicke in die Geschichte von Vertreibung, Flucht und Neuaufbruch der deutschsprachigen Bevölkerung in Karlstein.

Von links:
Emil Hofmann (Gründungsmitglied im Geschichtsverein), Christine Uschek (Graslitzer Unterstützerin), Dr. Alexander Legler (Landrat), Volker Oster (Geschichtsverein Karlstein – Graslitzer Stube), Sonja Herzog (geb. Peter aus Graslitz) und Ehemann Dietmar Herzog (Foto C. Uschek).

Den Einladungen des Geschichtsvereins Karlstein und des 1. Bürgermeisters Peter Kreß zur offiziellen Eröffnung der „Graslitzer Stube“ im Heimatmuseum am 5. November 2023 waren weit über 100 Interessierte aus den Ortsteilen Dettingen und Großwelzheim, den Nachbargemeinden, dem Kahlgrund und auch aus hessischen Ortschaften gefolgt.
Nach der musikalischen Eröffnung durch Norbert Bergmann und Tochter Eva Maria Kraus mit „Egerland – Heimatland“ begrüßte Wolfgang König (1. Vorsitzender des Geschichtsvereins) die Gäste, darunter Karlsteins 2. Bürgermeister Dr. Günther Raffler, Landrat Dr. Alexander Legler, Vertreter der Nachbargemeinden Kahl und Kleinostheim, Mitglieder der Heimat- und Geschichtsvereine Kahl und Kleinostheim sowie Mitglieder des örtlichen Gemeinderates. König gab einen kurzen Abriss zur Entstehung der „Graslitzer Stube“ und dankte seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, allen voran Christine Uschek und Volker Oster.
Günther Raffler begrüßte im Namen der Gemeinde und in Vertretung des 1. Bürgermeisters die Anwesenden. In seiner kurzweiligen Ansprache fragte er: Was sagt einem der Namen „Graslitzer Stube“? „Nichtbetroffenen“ erst einmal nichts – obwohl es in Karlstein mehrere Straßen mit Hinweis auf die Vertriebenen aus dem Sudetenland und Schlesien gibt. Die Heimatvertriebenen waren damals nicht sehr willkommen; sie wurden daher am Ortsrand in der Hagsiedlung angesiedelt. Erwähnung fanden auch das „Anton-Günther-Denkmal“ (im Gemeindewald), die Gründung des Graslitzer Heimatverbandes 1958 und dessen langjähriger Vorsitzende Emil Kolb. Auch Dr. Raffler ist ein Kind Heimatvertriebener; stammten doch die Oma und seine Mutter aus Weipert und der Vater aus Jechnitz bei Kaaden. Er dankte den Verantwortlichen des Heimatmuseums, welche die Einrichtung der „Graslitzer Stube“ ermöglichten.

Für die musikalische Unterhaltung vor dem Museum sorgte Eva Maria Kraus und Norbert Bergmann (Foto C. Uschek).


Landrat Dr. Alexander Legler witzelte nicht nur mit den beiden Musikern und bekannte, dass auch er sudetendeutsche Wurzeln habe. Er überbrachte herzliche Glückwünsche zur Errichtung der „Graslitzer Stube“ und dankte den Verantwortlichen für diesen Erinnerungs- und Begegnungsort sowie die Anerkennung für die Lebensleistung der Heimatvertriebenen.
Zwischen den Programmpunkten konnte den heimatlichen Weisen wie z. B. „Wir sind Kinder von der Eger“ gelauscht werden.
Zeitzeugen berichteten aus der Sicht der Vertriebenen: „Wir waren mit vier Personen in einem Zimmer untergebracht. … Man nannte uns Kartoffelkäfer. … Wir waren nicht willkommen.“ Ein „Dettinger“ erzählte wie es war, als die Vertriebenen hier untergebracht wurden. „Meine Schwester bandelte mit einem an. Später hat sie mit ihm den Bund der Ehe geschlossen“. Emil Hofmann, Wirt der ehemaligen Gaststätte „Zur Eisenbahn“ – dem Vereinslokal der „Graslitzer“ – konnte auch über manche Begebenheiten berichten. Altbürgermeister Helmut Winter steuerte seine Erinnerungen an die Vertriebenen bei, wobei er die Entstehung der Druckerei Kolb hervorhob. Der letzte Programmpunkt stellte die Frage: Was erinnert heute noch an Vertriebene in Dettingen / Großwelzheim / Kreis Aschaffenburg / Deutschland? Hierzu waren an der Zeltwand Plakate mit den unterschiedlichsten Produktionsstätten und Betrieben bzw. Geschäften angebracht. „Wenn Sie zu den nachstehend aufgeführten Firmen Informationen „jedweder Art“ haben, dann sprechen Sie uns, den Geschichtsverein Karlstein, bitte an!“, lautete der Untertitel.
Zum Abschluss des offiziellen Teils erklang Anton Günthers „Feierobnd-Lied“, welches von den Gästen spontan gesanglich begleitet wurde.

Im Graslitzer Raum wurde zeittypisches Porzellan, wie es im Erzgebirge verwandt wurde, ausgestellt (Foto C. Uschek).

Das Beisammensein im Zelt musste wetterbedingt ausfallen und wurde in den 1. Stock des Museums verlegt. Hier konnte man sich bei Kaffee und Kuchen aufwärmen und stärken; natürlich durfte der Kleckselkuchen nicht fehlen. Für Interessierte wurde – mit Erlaubnis des Autors und Produzenten – der Film „Das Erzgebirge – Grenzgeschichten von Deutschen und Tschechen“ gezeigt.
In der über den Nebeneingang zu erreichenden „Graslitzer Stube“ herrschte zeitweise sehr großer Andrang. Im Vorraum wurden Arbeiten von Ernst Bandhauer gezeigt, welche die Familien Bandhauer und Ettlinger für diesen Tag zur Verfügung gestellt hatten. Besonders die Hippolytkirche in leuchtenden Farben hatte es den Besuchern angetan. Ernst Bandhauer war in Plan (bei Marienbad) geboren; die Familie hatte in Graslitz gewohnt und kam mit dem 2. Transport im zeitigen Frühjahr 1946 in Dettingen an.

Stolz präsentierte sich eine prächtige Karlsbader Frauentracht und eine Egerer Herrentracht. Sie sind Leihgaben der „Egerländer Gmoi z’Geretsried“. (Die Egerländer Tracht war „Tracht des Jahres 2022“. In der aufgelegten Trachtenfibel, herausgegeben von der Egerland-Jugend im Bund der Eghalanda Gmoin e. V., Marktredwitz, konnte man sich über die verschiedenen Trachten informieren.)
Der Geschichtsverein Kleinostheim unterstützte die Ausstellung mit zwei Frauentrachten und einer Kindertracht aus dem ungarischen Mözs. Die Trägerinnen dieser Frauentrachten wurden nach dem Krieg aus Ungarn vertrieben. Ihr deutsches Brauchtum, das in Ungarn gepflegt wurde, haben sie bewahrt. Die Trachten, die damals getragen wurden, haben sie gesammelt und eigenhändig ergänzt.
Reich bestückte Vitrinen und darüber angebrachte Fotos und Informationen zeugen von der reichhaltigen Kultur und Industrie in der verlorenen Heimat. Auch von den hier gegründeten Betrieben sind Fotos und Exponate in Form von Tischwäsche, Stickmustern und mehr zu sehen. Auf der mit einer Festtagsdecke versehenen Tafel präsentierten sich Porzellanwaren der unterschiedlichsten Marken wie z. B. H & C (Haas & Czjzek in Schlaggenwald Böhmen) / „MC Egerland“ (MCP W. S. Mayer & Comp Porzellanfabrik Poschetzau) / RFH (Richter Fenkl Hahn).

Ein Stück Schicht-Seife – die mit dem „Hirschen“ – der Firma Georg Schicht, Aussig, fand ebenso Interesse wie das aufgelegte Kochbuch „Unvergessliche Küche Sudetenland“ und ein Küchenhandtuch aus der Aussteuer der mittlerweile 95-jährigen Graslitzerin Vera Steffen (geb. Richter, Nürnberg), das mit den Initialien VR versehen und noch unbenutzt ist.
An einer eigens eingerichteten Hörstation konnte mit Erlaubnis der Verwandten die CD „Erinnerungen“ von Maria Sattler (* Schwaderbach – Dettingen – † Mainaschaff) angehört werden. Das von der Familie zur Verfügung gestellte Foto fand Beachtung: „Schau mal, die Maria“, war an diesem Nachmittag oft zu hören.
Nicht zu vergessen: im Treppenhaus des Haupthauses wurde an den Dichter und Schriftsteller Josef Moder aus Graslitz erinnert. Er kam nach der Vertreibung über mehrere Stationen nach Kleinostheim, wurde dort ansässig und war als Lehrer tätig. Ausgelegt waren einige seiner Werke und ein sog. „Kleinostheimer Mosaik“ mit den zwölf Monatsplaudereien, herausgegeben vom Kleinostheimer Geschichtsverein anlässlich seines 100. Geburtstages im Juli 2009. Auch war eine Schreibtischgarnitur mit Füllhalter und GRÜNER Tinte zu finden: Eine Eigenheit von Moder war, dass er nur in Grün geschrieben hat.

In der dauerhaften Ausstellung des Graslitzer Raums werden auch Trachten, wie hier die Egerländer Herrentracht, gezeigt (Foto C. Uschek).

Ein besonderer Dank zum Abschluss der offiziellen Eröffnung der „Graslitzer Stube“ galt den geladenen Gästen, allen Unterstützern, die diese Ausstellungseröffnung ermöglichten, den zahlreichen Besuchern und deren Interesse – verbunden mit vielen angeregten Gesprächen. Auch allen Leihgebern, deren Exponate der Ausstellungseröffnung das besondere Etwas verliehen haben, gebührt großer Dank. Besonders zu erwähnen: Brigitte Roßmann (geboren in Reichenberg/Liberec), schenkte ein schwarz-seidenes, bunt besticktes „Umhängtöichl“ (Umhängetuch).
Erfreulich ist, dass die Besuchszahlen der „Graslitzer Stube“ uns bis heute erfreuen! Erstaunlich ist, dass aus immer weiter entfernten Orten Besucher anreisen.
(Text von Christine Uschek und Volker Oster)

Mineralogisches aus Graslitz

Orthoklas-Zwilling aus Graslitz

Graslitz (heute Kraslice) liegt auf dem Südabhang des Erzgebirges. Dieses besteht in weiten Teilen aus metamorphen und plutonischen Gesteinen, wie z. B. dem bekannten Granit. Granitische Gesteine enthalten immer Feldspat-Kristalle, die aus dem Magma auskristallisierten. Normalerweise sind die Kristalle im Granit ähnlich groß. Unter bsonderen Umständen können Feldspäte als Frühkristallisate zu cm großen Bestandteilen heran wachsen. Der Kalifeldspat Orthoklas (KAlSi3O8) kann auch markante Zwillinge bilden; das bedeutet, dass 2 Kristalle, hier nach dem Karlsbader Gesetz, systematisch spiegelsymmetrisch verwachsen sind. Solche Kristalle können unter einem Warmklimat (wie es bei uns vor mehr als 3 Millionen Jahren bestand) aus dem Gestein heraus wittern und dann im Verwitterungsgrus (auch bekannt als „Bessemer Kies“) gefunden werden. Der mineralogisch interessierte Johann Wolfgang von Goethe sammelte diese und andere Kristalle zu mineralogischen Studien bei seinen Reisen nach Böhmen um Karlsbad. Die Sammlung ist erhalten und umfasste mehrere tausend Proben;
Bildbreite 5 cm (Foto JLo).
Der Kristall stammt aus einer alten Mineraliensammlung, die vor 1970 zusammen getragen wurde.