Kirchenpatrone für zuhause – Ausstellung

Ein bislang kaum bekanntes Kapitel katholischer Alltags- und Kunstgeschichte steht ab dem 4. Oktober im Mittelpunkt einer Ausstellung im Heimatmuseum Karlstein: Gezeigt wird eine außergewöhnliche Sammlung sogenannter Patronalia – kleiner keramischer Reliefs, die jeweils den Kirchenpatron und die Pfarrkirche eines bestimmten Ortes darstellen.

Für Dettingen wurde 1936 ein Patronale in einer Auflage von 200 Exemplaren hergestellt. Noch im gleichen Jahr folgte ein Bonifatius-Patronale für Großwelzheim mit 100 Exemplaren. Auch zahlreiche andere Gemeinden im gesamten Deutschen Reich ließen solche 25 bis 35 Zentimeter großen Terrakottareliefs in den 1930er und frühen 1940er Jahren fertigen. Die Idee dahinter war, die Verbindung der Gläubigen zu ihrer Pfarrkirche und deren Patron zu stärken. Für viele Menschen waren sie gewissermaßen die eigene Kirche im Kleinformat – ein Stück Heimat, das selbst Auswanderer im Gepäck hatten.

Die Ausstellung versammelt eine bemerkenswerte Auswahl solcher Patronalia aus der Region und weit darüber hinaus. Vertreten sind neben den beiden Reliefs aus Karlstein unter anderem auch Patronalia aus Alzenau, Stockstadt, Dieburg, Aschaffenburg, Hainstadt, Klein-Krotzenburg, Klein-Auheim. So begegnen sich auf kleinstem Raum die Kirchenpatrone unterschiedlichster Gemeinden – von Bonifatius, Leonhard, Wendelin, Petrus und Paulus bis zu Nikolaus und Maria und vielen anderen.

Patronale – kleine Kunstwerke, große Geschichte

Hinter den kleinen Kunstwerken verbirgt sich zugleich eine spannende Historie. Der St.-Georg-Verlag in Frankfurt förderte ab Mitte der 1930er Jahre die Herstellung dieser individuellen Reliefs als neues „religiöses Brauchgut“. Nebenbei war es erklärtes Ziel niveauvolle Kunst in den Privathäusern zu verankern und dem meist dort anzutreffenden religiösen Kitsch etwas entgegenzusetzen. Entsprechend entwarfen namhafte Künstler jeweils eine Darstellung von Patron und Kirche, die mit dem Pfarrer abgestimmt und anfangs auch dem zuständigen Bistum zur Genehmigung vorgelegt wurde. Die Produktion übernahm die Staatliche Majolika-Manufaktur in Karlsruhe. Bereits im ersten Jahr wurden dort 67.000 Patronalia hergestellt; insgesamt dürften rund 300.000 Exemplare im gesamten Deutschen Reich verbreitet worden sein. Auch in die Niederlande schwappte die Idee über. Es gab einen regelrechten Patronale-Hype. Eine Gemeinde, die etwas auf sich hielt, ließ ein Patronale fertigen.

Heute sind diese kleinen Keramiken vielfach verschwunden oder tauchen zufällig auf Flohmärkten und in Nachlässen wieder auf. Meist wird allerdings ihre Zugehörigkeit zu einer Serie nicht erkannt. Die Ausstellung bietet die seltene Gelegenheit, eine größere Zahl dieser Stücke zusammen betrachten und miteinander vergleichen zu können. Sie bietet ferner eine ungewöhnliche Sicht in die Geschichte katholischer Frömmigkeit und Volkskunst sowie einen besonderen Blick auf die Kirchenlandschaft unserer Region – und darauf, wie eng Kirche, Ort und das Leben des Einzelnen noch vor wenigen Generationen miteinander verbunden waren.

Weitere Informationen und eine umfangreiche Dokumentation der bislang bekannten Patronalia finden sich auf der Website zur Sammlung.

Ausstellungseröffnung und Einführungsvortrag durch den Kurator der Ausstellung, Michael Pfeifer, am 4. Oktober um 15 Uhr
Die Ausstellung ist geöffnet jeweils sonntags von 14 bis 17 Uhr am
4.10., 1.11., 6.12.26 und 3.1.27 sowie nach Vereinbarung

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