Der Windschliff aus dem Meer?
Ein Widerspruch. Im Keller des Museums liegt auf dem Tisch zum Begreifen ein hellbrauner, merkwürdig, glatt-gefurchter Stein vom Rothenberg (Spessart-Gymnasium) in Alzenau. Das gleiche Gestein tritt auch im Wald von Dettingen (Kühruhe) auf1 (liegt in der Vitrine K14) und wurde hier einst in geringem Umfang abgebaut. Und der hat eine bemerkenswerte Geschichte:
- Das Gestein entstand als Kalk, der vor ungefähr 250 Millionen Jahren aus dem großen Zechstein-Meer ausgefällt wurde2, an dessen Rand wir lagen. Im Laufe der Zeit wurde daraus ein Kalkstein (aus Calcit CaCO3), wie man diese aus dem Raum Marktheidenfeld und Würzburg kennt.
- Vermutlich vor ungefähr 160 Millionen Jahren erfolgte durch hydrothermale (warm-wässrige) Aktivität im Spessart eine Zufuhr von Magnesium3, so dass daraus ein Dolomit (CaMg[CO3]2) entstand. Dabei wurden die wenigen fossilen Belege für eine marine Entstehung gelöscht, da das Gestein eine andere Struktur bekam.
- Vermutlich im Tertiär, also in geologisch junger Vergangenheit, erreichten Spalten – besonders an der Spessartrandverwerfung – den Dolomit und das Gestein wurde durch Quarz (SiO2)ersetzt, also verkieselt (Quarzit4 – siehe dazu auch Lorenz 2014). Dabei wurde abermals die vorherige Struktur des Gesteins gelöscht und das färbende Eisen zwischen die Kriställchen des Quarzes verschoben. So besteht das Gestein fast ausschließlich aus einem kleinkristallinen Quarz, was zu einer enormen Härte und Zähigkeit führt.
Mit der Erosion durch Abtragen des Feinmaterials gelangten solche Gesteinsbocken an die Erdoberfläche. - Während der Kaltzeiten („Eiszeiten“) hat der mit Sand aus der Bulau beladene Wind auch den Rothenberg erreicht und so wurden die an die am Boden liegenden Steine mit einer Art natürlichem Sandstrahlgebläse beaufschlagt. Infolge der langen Zeit schliffen und polierten die Sandkörnchen das Gestein glatt und je nach Porosität wurde der Quarzit selektiv erodiert. Der im Boden steckende Teil zeigt noch die Bruchflächen und ist kaum bearbeitet. Die endlosen Frost- und Tauwechsel führten zu einer unterschiedlichen Lage des Steins, so dass mehr als die Hälfte den Windschliff an der Oberfläche aufweist.
- Mit dem Ende der letzten Kaltzeit wurde der Stein durch die Vergetation geschützt, von Hangschutt begraben und bei Bauarbeiten durch den Menschen 2001 wieder frei gelegt.
- Jetzt liegt der Stein im Museum auf einem Tisch, so dass man selbst erfühlen kann, wie glatt ein natürlicher Windschliff der Eiszeit sein kann.

Ausschnitt aus dem Stein: Links der ausgeprägte,rinnenförmige Windschliff und rechts die kaum geglätteten Bruchflächen des Quarzites. Solche Erscheinungen kann man heute in allen Wüstengebieten der Erde beobachten. Dies ist übrigens der Grund, warum es in den Sandwüsten keine Meteorite gibt, die älter als etwa 100.000 Jahre sind! Sie sind zu Staub zerrieben worden.
Leider ist es in der Geologie so, dass alles kompliziert ist. Unter solchen Steinen entlang der Spessartrandverwerfung gibt es auch „Doppelgänger“, die genau so aussehen, bei denen es sich aber um Tertiär-Quarzite handelt. Man kann sie ohne mikroskopische Untersuchung nicht unterscheiden.
Unabhängig davon nutzten unsere Vorfahren den Quarzit als Rohstoff zur Herstellung von Werkzeugen.
Literatur:
LORENZ, J. (2014): Die metasomatischen Gesteine im Spessart: Dolomit, Siderit, Quarzit und Kalkstein.- Jahresberichte der wetterauischen Gesellschaft für die gesamte Naturkunde zu Hanau/gegr. 1808 163 – 164, Themenband Spessart, S. 11 – 32, 9 Abb., 2 Tab., Hanau.
- Weiter auch in Hörstein, Kleinostheim, … ↩︎
- Diese Kalksteine und Dolomite wurde als Rohstoff für die Herstellung von Branntkalk genutzt, zuletzt in Rottenberg bei der Fa. Hufgart.
Aus dem gleichen Meer wurden auch mächtige Salzlager gebildet, die beispielsweise unter Neuhof-Ellers bei Fulda abgebaut werden. Dass wir am Ufer lagen, konnte man sehr gut in der Tunnelbaustelle zwischen Laufach-Hain und Heigenbrücken beobachten. ↩︎ - Bei dem gleichen Prozess wurde auch der Schwerspat ausgeschieden und dazu weitere Erze die einst einen Bergbau im Spessart begründeten. ↩︎
- Nicht zu verwechseln mit dem Quarzit des Hahnenkamms, der metamorph entstanden ist. ↩︎

