Quellenkritik

Ein Felsen aus einem Staurolith-Granat-Plagioklas-Gneis (Mömbris-Formation) an der Kahlgrundstraße 10 in Wenighösbach – kein Findling(!) im Sinne eines vom Eis bewegten Steins, denn es gab in den Eiszeiten (Kaltzeiten) keine Gletscher im Spessart;
aufgenommen am 12.08.2018.
Was ist Quellenkritik?
Als Quellenkritik bezeichnet man ein nicht näher definiertes Verfahren der Wissenschaft, die die Echtheit, Glaubwürdigkeite und den Zusammenhang einer Quelle, z. B. Texte, Fotos, Bilder, Archivalien, Artikel, Erinnerungen, usw. zu verfizieren. Es gibt eine äußere Kritik (Herkunft, Echtheit, Entstehung) und eine innere Kritik (Inhalt, Intension und Zuverlässigkeit). Das Ziel ist es, den Informationsgehalt für eine wissenschaftliche und historische Fragestellung möglichst neutral zu bewerten. Der Begriff fehlt eigenartigerweise in der letzten Ausgabe des Brockhaus in 24 Bänden. In den Geisteswissenschaften existiert dazu ein umfangreiches Schrifttum. In Zeiten des Internets und KI hat das nichts an Aktualität eingebüßt.
Wenn man sich über ein Thema informiert, so stellt sich automatisch die Frage, stimmt das, was man liest (Text), sieht (Fotos, Bilder) oder hört (Sprache, mündliche Überlieferungen).
Dies ist bei allen Medien so, gedruckt oder in den modernen Medien vom Internet bis zu den sozialen Medien im Sekundentakt. Leider ist eine gesunde Skepsis immer angebracht, auch wenn es gedruckt und älter ist. Fehler können unabsichtlich, absichtlich oder durch Versäumnisse entstehen.
Bei der Recherche für ein Thema bemühen sich Autoren das bisher Veröffentlichte zu sichten, um sich ein Bild zu machen. Widersprüche sind verbreitet, denn es gibt kaum einen längeren Artikel oder ein Buch, welches fehlerfrei ist. Daran haben auch die Lektoren (heute kaum mehr vorhanden) nichts geändert. Sind Schreibfehler ärgerlich und werden leicht erkannt, ist es bei Zahlen schon anders. Hier hilft nur das Mitdenken und die Prüfung: Kann das sein? Dass das selbst in guten Fachzeitschriften nicht selten ist, beweisen die regelmäßigen Korrekturen durch aufmerksame Leser in den folgenden Heften (siehe z. B. „Spektrum der Wissenschaft“ oder „Sterne und Weltraum“).
Nach meiner Erfahrung sind die Artikel in den Tageszeitungen besonders anfällig für korrekturbedürftige Beiträge; man lese dazu die vielen Leserbriefe!
Zur Vermeidung solcher Fehler hat man ein „peer review“ in der Wissenschaft eingeführt, also eine Begutachtung durch Berufskollegen des gleichen Fachs vor der Veröffentlichung, ohne dass die Gutachter dafür einen Lohn erhalten. Dies führt oft zu Verzögerungen, weil Zeit ein wertvolles Gut geworden ist. Aber trotz des Verfahrens müssen immer wieder Beiträge korrigiert oder sogar zurück gezogen werden, selbst in den renommierten Journalen wie „Nature“ oder „Science“. In einigen Wissenschaftszweigen kamen auch Artikel durch das Verfahren, obwohl die Daten gefälscht, geschönt oder gar frei erfunden waren. Anderseits werden unplausible, aber richtige Messdaten unterschlagen, weil man das keinem Gutachter erklären kann.
Das Foto ganz oben in diesem Beitrag zeigt einen Artikel der Monatszeitschrift des „Spessart“ über Wenighösbach (Anonymus 1980:3) und darin ist der jedem Autofahrer bekannte Felsen in Wenighösbach abgebildet und darunter steht folgender Text zur Erläuterung:
„Die Eiszeit läßt grüßen. Vor 20.000 Jahren schleppten die Gletscher mächtige Granitblöcke mit sich herum. Als das Eis schmolz, blieben die Felsbrocken liegen. Einer liegt heute noch neben der Kahlgrundstraße bei Haus Nr. 26. Im …“
In dem Text ist praktisch alles falsch:
- Es gab in Wenighösbach keine Gletscher in den Eiszeiten: Das Eise reichte von Norden bis an die Mittelgebirge und von Süden bis ins Alpenvorland, jedoch nicht über die Donau. Der Spessart war für eine Vergletscherung zu niedrig und lag im Regenschatten.
- Es ist kein Granit, sondern ein Paragneis, also ein metamorphes Gestein, welches durch hohe Temperatur und Druck aus einem Sediment entstanden ist. Die nächst gelegenen echten Granite finden sich im Odenwald.
- Es ist kein isolierte Felsbrocken, sondern der anstehender Fels des Untergrunds (Kristallines Grundgebirge) der Mömbris-Formation, die von Huckelheim bis nach Aschaffenburg verfolgt werden kann.
- Es ist die Haus Nr. 10.
Ein anderes Beispiel: Im Spessart gab es Bergbau. Dieser begann nach den Archivalien und den archäologischen Spuren im späten Mittelalter und früher Neuzeit. Aber aufgrund von logischen Schlüssen wird besonders im Raum Bieber bereits ein keltischer Bergbau postuliert: „Die Kelten bauen Kupfer ab, Bronzewerkzeug hilft beim Roden“ (MOLLENHAUER 1985:15ff). Nun ist es so, dass es dort Kupfererze gibt, aber diese Kupfererze im Kupferschiefer sind schwer verhüttbar und das gelang erst nach etwa 1450 in einem komplexen Schmelzprozess (LORENZ 2010:4 und 715ff), nicht aber durch Kelten; selbst den Römern gelang das nicht. Für eine keltische Kupfererzgewinnung oder gar Verhüttung anderer Erze, z. B. von Sommerkahl, gibt es keine Belege. Isotopen-Analysen an Kupfer- und Bronzewerkzeugen weisen auf eine Kupfergewinnung leicht verhüttbarer Erze in Südosteuropa und den Alpen hin.
So ein Artikel hat eine sehr lange Lebensdauer, denn jeder der heute darüber forscht, findet den Beitrag und deshalb sind manche „Tatsachen“ nahezu unauslöschlich und gerade weil man die im Internet leicht findet, aber keine Korrektur dazu. Beispielsweise auch, dass der Baryt (Schwerspat) des Spessarts in das Glas bzw. das Gemenge der Spessarter Gläser getan wurde. Oder in einen Hochofen zum Erzeugen von Eisen aus Eisenerzen.
Aber nicht nur Texte müssen geprüft werden. Auch Fotos wurden bereits vor mehr als 120 Jahren verändert. Es gibt ein eindrucksvolles Steinbruchfoto aus Eichenberg, welches um das Jahr 1900 entstand, in dem nachträglich ein Mann gegen einen anderen ausgetauscht wurde. Das Foto wurde bereits mehrfach publiziert, ohne dass den Verwendern dies aufgefallen ist.
Deshalb ist man als Autor verpflichtet, eine hohe Selbstkritik an den Tag zu legen, so dass nur geprüfte Tatsachen publiziert werden, denn nach dem Druck ist kaum eine nachhaltige Korrektur möglich. Diese Beispiele stammen aus den Geowissenschaften. Aber es ist in anderen Bereichen sicher nicht anders. Die Unterstützung und Beratung von Fachkollegen kann dabei nur förderlich sein.
Nun gibt es die KI. Natürlich verwenden praktisch alle Schüler die Möglichkeiten der KI und lassen sich helfen. Aber die KI kann nur das wieder geben, was bereits irgendwo publiziert wurde. Das was es im Netz nicht gibt, kann sie nicht „wissen“. Sie kann aber auch nicht feststellen, wenn etwas nicht stimmt, denn sie wird eine Mehrheitsmeinung wieder geben. Es ist noch schlimmer, denn die KI phantasiert auch – und wenn ich nicht vom Fach bin, merke ich das nicht. In der Regel ist man auf wenigen Gebieten Fachmann und auch den meisten anderen Gebieten Laie.
Literatur:
Anonymus (1980): Aus dem Jahr 1175 stammt die älteste Urkunde, die Wyngenostebach erwähnt. Aber schon zwei Jahrtausende vorher wurden bei Wenighösbach Menschen bestattet.- Spessart Monatsschrift des Spessartbundes Heft Juli 1980 S. 3 – 5, 3 Abb., [Druck und Verlag „Main-Echo“ Kirsch & Co.] Aschaffenburg.
LORENZ, J. mit Beiträgen von M. OKRUSCH, G. GEYER, J. JUNG, G. HIMMELSBACH & C. DIETL (2010): Spessartsteine. Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie und Mineralogie des Spessarts. Geographische, geologische, petrographische, mineralogische und bergbaukundliche Einsichten in ein deutsches Mittelgebirge.- IV + 912 S., 2.532 meist farbigen Abb., 134 Tab. und 38 Karten (davon 1 auf einer ausklappbaren Doppelseite), [Helga Lorenz Verlag] Karlstein.
MOLLENHAUER, D. (1984): Ein winziges Stücke Biosphäre, welches Spessart genannt wird. Natur- und Kulturgeschichte als Beitrag zur lange vernachlässigten regionalen Landeskunde.- Spessart Monatsschirft des Spessartbundes Heft Januar 1984, S. 2 – 27, 17 Abb., [Druck und Verlag „Main-Echo“ Kirsch & Co.] Aschaffenburg.

