Langer See 1846

Langer See bei Großwelzheim

Langer See

Der Lange See mit Schilf, Seerosen und Kiefern am 01.05.2026 (Foto JLo).

Der Main als Fluss, wie wir ihn kennen, ist geologisch eine ralativ neue Erscheinung, denn dass er vom Fichtelgebirge in den Rhein fließt, kann man erst seit ungefähr 1 Million Jahren belegen (LORENZ & JUNG 2009) .
Das heutige Bild der Landschaft am Untermain ist geprägt von der letzten Eiszeit, als der Main in einem weiten Feld zwischen Hörstein und Babenhausen mäandrierte. Der flache Fluss mit geringem Gefälle schüttete Sedimente auf und trug sie wieder ab. Arme wurden abgeschnitten und wurden so zu Altarmen, die nur noch bei Hochwasser überflutet wurden. Diese Schlingen wurden mit Tontrüben gefüllt, der Feinsand und Ton setzte sich ab und aus dem Fluss wurde ein gebogener See. Er verlandete weiter durch die Bildung von Torf, was einige hundert Jahre dauert. Erstmals findet sich der See als Eintrag in einer Landkarte von Elias Hofmann aus dem Jahr 1584.

Der See erreichte in historischer Zeit 800 m Länge und bis zu 100 m Breite (RÜCKER 1973:76). Der Torf war über lange Zeit ein willkommes Heizmaterial, welches auch bei uns in Torfstichen abgebaut, getrocknet und auch verkauft wurde; besonders nach Frankfurt, wo es das Heizmaterial der armen Leute war. Am Langen See wurde von 1827 bis 1865 Torf gestochen, teils in Pacht und teils von der Gemeinde selbst (RÜCKER 1973:76, RÜCKER 1980).
Der Restsee eines geschwungenen Mainarmes in Form des Langen Sees (siehe im Plan oben) kann nach Osten über den Seligensee (durch Kiesabbau und das RWE-Gleis verloren) und Hummelsee (ausgetrocknet) weiter verfolgt werden. Der Torfabbau (MERGET 2004:27) hat die Restseen vergrößert, so dass der Lange See noch 1845 vom heutigen Ende des Leischesweg bzw. An der Kipp (nördliches Ende der Kipp) bis zur heutigen B8 reichte. 1854/57 plante man die Trockelegung des Sees; da die Gemeinde die dafür nötigen Gelder von etwa 1.500 Gulden nicht aufbringen konnte, sah man daon wieder ab (RÜCKER 1984). Weiter war der See und die Wiesen darum für die Gänse aus Großwelzheim notwendig.

Digitales Geländemodell

Der Bereich zwischen dem heutigen See der Zeche Gustav (links) und der B8 mit dem Kreisel und der Unterführung (rechts). In der Mitte die Kipp mit einer Fläche von etwa 12 ha und einem Volumen von etwa 1,8 Millionen m³ Abraum; der nördliche, heute bebaute Teil wurde abgefahren und zur Verfüllung des Langen Sees verwandt. Die fächerförmigen Strukturen auf der Kipp zeigen, wie die Kipp mit Loren auf Gleisen aufgeschüttet wurden. Rechts der Kipp kann man den ehemaligen, teilweise verfüllten Langen See erkennen und ganz rechts den gegenwärtigen See mit dem Schilfgürtel (Digitales Geländemodell aus dem Bayern-Atlas) – man vergleiche das mit der alten Karte ganz oben. Die Straßen sind wegen der Böschungen erkenbar, die Gebäude und die Pflanzen sind weggerechnet. Zwischen Max-Planck-Str. und Trierer Str. ist ein Rest der nördlichen Kipp erhalten (außerhalb des Kartenausschnitts oben).

Gänse auf dem Wasser des Langen Sees um 1935, die vom Gänsehirt aus dem Ort zum Fressen auf die Wiesen getrieben wurden (Archiv Geschichtsverein Karlstein). Dies gab es bis indie 1950er Jahre (NIMBLER 1997).

Im Februar 1932 fuhr eine PKW-Fahrer aus einem Nachbarort auf das Eis des Langen Sees – und brach ein (Foto Archiv des Geschichtsvereins Karlstein).

Als man den Braunkohletagebau Zeche Gustav anglegte, schütteten die Bergleute von 1904-1906 eine Abraumhalde auf, die im Volksmund als „Kipp“ (vom Abkippen der Loren) bezeichnet wird. Dabei wurde etwa 1/3 des Langen Sees an seinem Westende zugeschüttet. Nach der Einstellung des Kohleabbaus stieg der Grundwasserspiegel wieder an und der See erreichte 1 ha Fläche mit bis zu 1 m Wassertiefe.
Zur Schaffung von Ackerland und zur Beschäftigung arbeitsloser, junger Männer in dem verarmten Großwelzheim wurde 1932 begonnen, den See zu entwässern. Dazu verlegte man eine Rohrleitung durch die Kipp in 3 m Tiefe bis zum Gustavsee, so dass das Wasser des Sees ablaufen konnte. Weiter wurden mit 15.000 m³ Sediment aus der Kipp 3 ha Ackerland gewonnen und dabei der Lange See bis auf einen kleinen Rest zugeschüttet (MERGET 2004:27). Mit zusätzlichen Planierarbeiten schuf man 9,2 ha Ackerland (HUBERT 1986:13).

Abbau der Kipp 1933

1933: Junge Männer schaufeln mit der Hand die Erdmassen von der Böschung der Kipp in Loren auf Gleisen, die dann in den Langen See geschüttet werden, damit Ackerland gewonnen werden kann (Foto Archiv des Geschichtsvereins Karlstein).

Die restliche Verfüllung des Langensees wurde durch den Beauftragten für Naturschutz, Dr. Hans Stadler (* 11.04.1875 † 22.08.1962; SCHÖNMANN 1984) aus Lohr, verhindert. Der See war damals bereits wegen des Auftretens der „Blauen Frösche“ bekannt, eine Pigmentstöung in der Haut des Teichfrosches (Rana esculenta) (RÜCKERT 1961:127f).
Die zugewonnenen Flächen wurden in der 1960er Jahren mit Kiefern aufgeforstet. Dazu wurden auch noch Esskastanien (Castanea sativa) am Waldrand gepflanzt. Fotos belegen, dass man in den 1960er Jahren in dem See baden konnte.

Langer See 1985
Der Lange See bei Großwelzheim 27.05.1985 (Foto JLo).

Mit dem Wegfall der Mainschleuse in Großwelzheim sank der Grundwasserspiegel um etwa 2 m, so dass der See trocken fiel. Deshalb vertiefte man 1975 und 1983 den See mit einem Bagger, so dass er wieder im Grundwasser lag und sich eine Seefläche einstellte, die von den typischen Pflanzen besiedelt wurde (RÜCKER 1984).

Die Verlandung wird – ohne Pflegemaßnahmen durch den Menschen – weiter fortschreiten und es ist die Natur, dass solche Gewässer durch die abgestorbenen Pflanzen verlanden.
Inzwischen haben die aus Nordamerika stammenden Kandagänse (Branta canadensis) den See besiedelt, die sich mit weiteren Gänsen am nebenan gelegenen Sportplatz vom Gras ernähren.

Der Plan in der Abb. ganz oben ist ein Ausschnitt mit dem „Langensee“ aus dem Uraufnahmeblatt aus dem Jahr 1846, erstellt durch den Bayern-Atlas. „G. W.“ bedeutet Gemeindewald.

Literatur:

HUBERT, G. (1986): Freiwilliger Arbeitsdienst in Großwelzheim 1932/33.- Karlsteiner Geschichtsblätter Ausgabe 5, S. 10 – 13, 4 Abb.
LORENZ, J. & JUNG, J. (2009): Die Mainkiesel – haben Goldwäscher eine Chance? Über die Sedimente des Mains, ihre Herkunft und den früheren Lauf des Flusses.- Spessart Monatszeitschrift für die Kulturlandschaft Spessart 103. Jahrgang, Heft 6/2009, S. 3 – 28, 85 Abb., [Main-Echo GmbH & Co KG] Aschaffenburg.
MERGET, B. (2004): Der Goßwelzheimer Heimatberg.- Karlsteiner Geschichtsblätter Ausgabe 9, S. 25 – 29, 6 Abb.
NIMBLER, H. (1997): Der Gänsehirt in Großwelzheim.- Unser Kahlgrund Heimatjahrbuch 1997, S. 179 – 180, 1 Abb., Hrsg. Arbeitsgemeinschaft für Heimatfoschung und Heimatpflege Kahlgrund e. V., Grafik und Druck Dieter Steiner] Alzenau.
RÜCKER, E. (1961): Der „Lange See“ bei Großwelzheim. Ein Naturdenkmal birgt viele Geheimnisse.- Unser Kahlgrund Heimat Jahrbuch für den Landkreis Alzenau 1961, S. 127- 130, 2 Abb., Hrsg. vom Landrat des Kreises Alzenau, [Buchdruckerei und Verlag Eil Kolb] Dettigen.
RÜCKER, E. (1973): Der „Lange See“ bei Großwelzheim. Kann das Naturdenkmal, der Lange See“ bei Goßwelzheim noch gerettet werden?- Unser Kahlgrund Heimat Jahrbuch 1973, S. 76- 81, 2 Abb., Hrsg. Arbeitsgemeinschaft zur Heimatfoschung und Heimatpflege Kahlgrund, [Buch-, Offsetdruckerei und Verlag Eil Kolb] Dettigen a. Main.
RÜCKER, E. (1980): Torfstich vor 180 Jahren in Großwelzheim, Kahl und Emmerichshofen.- Unser Kahlgrund Heimatjahrbuch 1980, S. 86 – 89, 1 Abb., 1 Tab., Hrsg. Arbeitsgemeinschaft für Heimatfoschung und Heimatpflege Kahlgrund e. V., Offset Steiner] Kahl a. Main.
RÜCKER, E. (1984): Der Lange See bei Großwelzheim. Bekanntes Naturschutzgebiet gerettet?- Unser Kahlgrund Heimatjahrbuch 1984, S. 127 – 130, 2 Abb., Hrsg. Arbeitsgemeinschaft für Heimatfoschung und Heimatpflege Kahlgrund e. V., Graph. Berieb Dieter Steiner] Kahl a. Main.
SCHÖNMANN, H. (1984): Naturschutz-Pioniere: Hans Stadler war der erste unterfränkische Naturschutzbeauftragte. Er wurde 1933 ernannt und sagte auch im „Dritten Reich“ seine Meinung.- Spessart Juniheft 6/1984, S. 13 – 23, 10 Abb., [Druck und Verlag „Main-Echo“ Kirsch & Co.] Aschaffenburg.

Libelle bei der Eiblage
Die Braune Mosaikjunger bei der Eiablage im Wasser des Langen Sees am 24.08.1980 (Foto JLo).


Auffällige Pflanzen sind:
Schilf, verschiedene Seggen, Schöllkraut, Schachtelhalme, Seerosen, Indisches Springkraut, …

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